Call Me Burroughs
William S. Burroughs (1914-1997) war eine schillernde amerikanische Persönlichkeit, deren Biographie sich wie ein spannendes Drama liest. Als Jugendlicher entdeckt er seine Vorliebe für Männer und kommt in Berührung mit Rauschmitteln. Später wird er drogenabhängig und dealt, heiratet zweimal, wird Vater eines Sohnes, der mit ansehen muss, wie Burroughs im Suff die Apfelschießszene aus Schillers "Wilhelm Tell" nachstellt und dabei seine Frau tötet. Das Leben wird zum Stoff seines Schaffens. So verarbeitet er die Erfahrungen des Drogenkonsums und seine Homosexualität  in den Romanen "Junkie" (1953) und "Queer" (1985). Ansonsten ist es das Zusammentreffen mit anderen Schriftstellern und Künstlern oder die Reisen nach Europa, die ihn inspirieren.
 
Die von ihm geprägte "cut-up"-Technik aus der Literatur findet sich dann auch in seinen Collagen wieder und zeigt, wie eng diese Bereiche interagieren. Beim "cut-up" zerschnitt er das Manuskript zur Nova-Trilogie (1961-1964) und legte die Schnipsel neu zusammen. Dadurch wollte er erreichen, dass der Leser an jeder beliebigen Stelle in den Roman einsteigen und somit eine individuelle Geschichte vorfinden kann. Eine eigene Interpretation bietet sich auch dem Besucher der Retrospektive in Hamburg-Harburg, in den Werken Burroughs aus dem bildkünstlerischen Bereich.
 
Von vielen Künstlern als einer der Begründer des Undergrounds, der Gegenkultur und somit auch der Punk-Bewegung gefeiert, inspirierte Burroughs spätere Generationen von Kreativen wie Filmemacher David Cronenberg oder Gus van Sant und Musiker wie David Bowie und R.E.M. Zahlreiche Bands wählten Namen oder Songtitel aus den Werken Burroughs. So bildeten beispielsweise die Beatles Burroughs auf dem Plattencover von "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band" ab. Auf der gleichnamigen EP spielt Kurt Cobain Gitarre, während Burroughs sein Werk "The %27Priest%27 They Called Him" vorliest.
 
 

 
Trailer "William S. Burroughs: A Man Within" (2011)
 
Die Beat-Generation
Der Begriff "Beat" wurde von Schriftsteller-Freund Jack Kerouac geprägt. Ursprünglich mit "besiegt", "müde" und "heruntergekommen" gleichzustellen, hat Kerouac die Konnotation "euphorisch" (upbeat) bevorzugt. Mit Beat-Generation beschrieb er die Bewegung, welche in New York um die Nachkriegsschriftsteller Burroughs, Kerouac und Allen Ginsberg entstand. Oberstes Anliegen war die Rebellion gegen gesellschaftliche Standards. Die Beat-Generation lebte unkonventionell, spontan, chaotisch, war dem Buddhismus und weiterem fernöstlichen Gedankengut offen, experimentierte mit Drogen und Sexualität, schockierte und nahm als Avantgarde-Bewegung viele Themen der Hippie-Bewegung vorweg.
Einen Vorgeschmack über die Sprache und Themen der Beat-Generation liefert der Film "Howl – Das Geheul" (2010) über Allen Ginsberg und sein als obszön klassifiziertes, gleichnamiges Gedichtband. Auch Burroughs stand wie Ginsberg für sein bekanntestes Werk, "Naked Lunch" (1959), wegen vermeintlicher Obszönitäten vor Gericht. Die Freisprüche in beiden Fällen öffneten den Weg freizügiger Meinungsäußerung und festigten die Meinungsfreiheit von Autoren im noch prüden US-amerikanischen Alltag. Deshalb betrachten viele Zeitgenossen die Beat-Generation als den zündenden Funken der Gegenkultur, auf die sich wiederum spätere Generationen und Entwicklungen aus dem Künstlermilieu beziehen.
 
Die Ausstellung in den Phoenix-Hallen Hamburg-Harburg
Da Burroughs als Schriftsteller in die Annalen einging, kennt man vermutlich seine Facette als Multimedia-Künstler kaum. Dabei experimentierte er mit Tonband, Film und Fotografie und beschäftigte sich mit Malerei und Collagen. Über 150 Exponate, welche die Kreativität und Innovation Burroughs unter Beweis stellen sowie zahlreiche weiteren Werke aus der "Collaborations"-Reihe, die der Künstler in Zusammenarbeit mit Kollegen schuf, können bis zum 18. August 2013 in den Phoenix-Hallen besichtigt werden. Außerdem findet ein spannendes Rahmenprogramm mit Filmvorführungen im Metropolis Kino, Themenführungen u.a. zur Ausstellungseröffnung statt. Ziel der Kuratoren ist es, den beachtlichen Beitrag Burroughs an der amerikanischen Gegenwartskunst unter Beweis zu stellen.
 
 
Weitere Details zur Ausstellung: www.deichtorhallen.de/index.php?id=338

 

 

Ausschnitt aus "The "Priest" They Called Him" (1992) mit Gitarrenmusik von Kurt Cobain